„Erinnern verpflichtet” – Konzert- und Begegnungsabend und Marsch des Lebens in Berlin
Trotz strömenden Regens setzte der Marsch des Lebens sein diesjähriges Motto „Erinnern verpflichtet” in die Tat um: 250 Teilnehmer zogen durch Berlin – als sichtbares Zeichen für jüdisches Leben und gegen Israelhass. Bereits am Vorabend würdigte ein Konzert- und Begegnungsabend jüdische Kultur in Erinnerung an die Schoa und im Blick auf die Gegenwart.
Lebendige jüdische Kultur beim Konzert- und Begegnungsabend
Am Samstagabend lud der Marsch des Lebens e.V. in die Räumlichkeiten des ICF Berlin zu einem besonderen Abend ein. Der Shofar-Künstler Bar Zemach, die Sängerin und Theaterschauspielerin Sarah Maria Sander, die Band Be’er Sheva sowie die Tanzgruppe YC-Dance gestalteten gemeinsam ein vielseitiges Programm, das Musik, Erinnerung und Dialog miteinander verband.
Der erste Teil des Abends war der Auseinandersetzung mit der Schoa gewidmet. Bewegende musikalische Beiträge – darunter das von Bar Zemach interpretierte „El Male Rachamim” – erinnerten an das Leid der Opfer. Auch Werke jüdischer Komponisten aus der Zeit des Holocaust wurden lebendig: Sarah Maria Sander sang „Shtiler, Shtiler” von Shmerke Kaczerginski, entstanden inmitten der Mauern des Ghettos Wilna.
Im zweiten Teil richtete sich der Blick auf jüdisches Leben heute. In einem Panelgespräch kamen Nachfahren von NS-Tätern sowie jüdische und nichtjüdische Künstler ins Gespräch – unter anderem über die Frage, was es für junge Menschen bedeutet, diese Lieder heute zu singen und zu spielen. Die persönlichen Beiträge machten deutlich, wie stark die Vergangenheit bis in die Gegenwart hineinwirkt – und wie wichtig es ist, heute Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen.
Der Abend schloss mit der gemeinsamen Hymne „Hatikvah” und einem lebhaften Austausch zwischen Künstlern und Gästen.
Gemeinsam an Orten des Gedenkens
Am Sonntag, dem 19. April, begann der Marsch am historischen Bebelplatz – dem Ort der Bücherverbrennung vom Mai 1933. Kantor Arie Zaloshinsky der Jüdischen Gemeinde zu Berlin sang das Gebet „El Male Rachamim”; anschließend wurden sechs Kerzen entzündet – im Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden, anlässlich von Jom haSchoa.
Trotz unwetterartigen Regens versammelten sich rund 250 Teilnehmer – darunter zahlreiche Exiliraner – und machten sich gemeinsam mit iranischen und israelischen Flaggen auf den Weg zum Brandenburger Tor. Die Atmosphäre war geprägt von Entschlossenheit und einer unerschütterlichen Freude, die selbst das Wetter nicht dämpfen konnte.
Der Erinnerung an die Schoa verpflichtet
Michel Gourary, europäischer Präsident des March of the Living, betonte die Bedeutung gemeinsamer Verantwortung im Kampf gegen Antisemitismus. Jobst Bittner, Gründer und Präsident des Marsch des Lebens, rief vor dem Brandenburger Tor zur aktiven Verantwortung auf: „Wer heute zu Antisemitismus und Judenhass schweigt, läuft Gefahr, genauso zu handeln und schuldig zu werden wie die Zuschauer, Mitwisser und Mitläufer zur Zeit des Nationalsozialismus.”
Besonders bewegend war der Beitrag von Assia Gorban, Holocaustüberlebende und Vorsitzende der Organisation „Phönix aus der Asche”. Sie dankte dem Marsch des Lebens für seine Arbeit und erinnerte eindringlich daran, dass sich die Geschichte nicht wiederholen darf. Tiefen Eindruck hinterließ auch das persönliche Zeugnis von Afshin aus dem Iran: Er berichtete, wie er von Kindheit an mit einer Ideologie des Hasses gegen Juden und Israel aufgewachsen ist – und wie er heute bewusst dagegen aufsteht und seine eigenen Kinder lehrt, Israel und das jüdische Volk zu lieben.
Bar Zemach gestaltete mit einer musikalischen Interpretation des Kaddisch einen weiteren ergreifenden Moment. Der aaronitische Segen erklang daraufhin in deutscher, hebräischer und persischer Sprache – ein starkes Zeichen der Verbundenheit mit Israel und dem iranischen Volk zugleich.
Sarah Maria Sander brachte die Botschaft des Tages auf den Punkt: „Für das jüdische Volk gab es nie eine Alternative. Wenn die Alternative ist, nicht mehr zu existieren, dann ist es leicht, weiterzukämpfen.”
Den Abschluss bildete ein fröhlicher Tanz von YC-Dance, der in einem gemeinsamen Tanz mit den Marsch-Teilnehmern mitten im strömenden Regen mündete. Was äußerlich von Kälte und Nässe geprägt war, wurde zu einem Ausdruck von Leben, Hoffnung und Freude.
Konzert und Marsch verbanden sich so zu einem eindrücklichen Gesamterlebnis: Gedenken, Begegnung und aktives Handeln – gegen Antisemitismus und für jüdisches Leben in Berlin.
