Anlässlich des jüdischen Holocaustgedenktages Jom HaSchoa fand am 14. April 2026 der Marsch des Lebens in Stuttgart statt. Er stand unter dem Motto “Erinnern verpflichtet – für jüdisches Leben und gegen Israelhass” und wurde vom Marsch des Lebens e.V. in Kooperation mit der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) organisiert. Besonders auffällig waren in diesem Jahr die vielen iranischen Teilnehmer, die sich mit ihren Flaggen den christlichen und jüdischen Veranstaltern anschlossen. Auch im Programm der Abschlusskundgebung auf dem Marktplatz waren sie vertreten.
Die Auftaktveranstaltung startete um 17 Uhr vor der Synagoge in der Hospitalstraße. Die Künstlerin und Holocaustüberlebende Mina Gampel eröffnete ihre Rede mit einer erschütterten Antwort auf die Frage, ob sich seit ihrer letzten Rede beim Marsch im vergangenen Jahr im Hinblick auf den wachsenden Antisemitismus etwas verbessert habe: „Nein“. Um so wichtiger war es den mehr als 200 Teilnehmern, an diesem Nachmittag ihre Stimme zu erheben. Im Gedenken an sechs Millionen ermordete Juden wurden sechs Kerzen angezündet und Rabbiner Yehuda Puschkin trug das traditionelle Trauergebet El Male Rachamim vor.
Im Hof der Synagoge erzählte Stefan Ahrens als Nachfahre von Nazitätern die Geschichte seines Großvaters, der als Regimentskommandeur in Weißrussland war. Teile seines Regiments waren 1943 in Krasny Berek auf Fronturlaub. Verletzte deutsche Soldaten erhielten dort Bluttransfusionen, die aus einem Konzentrationslager in dem Ort stammten. Dort wurden Kindern, meist Mädchen im Alter zwischen 8 und 15 Jahren, gewaltsam große Mengen Blut abgenommen. Rund 1.000 Kinder starben an den Folgen. „Heute mache ich hier den Unterschied“, sagte Ahrens. Als Teil der Marsch des Lebens Bewegung setze er sich mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern für Versöhnung mit dem jüdischen Volk und Weißrussen ein.
Nach dem Marsch durch die Innenstadt versammelten sich die Teilnehmer auf dem Stuttgarter Marktplatz zur Abschlusskundgebung. Marsch des Lebens Gründer Jobst Bittner betonte in seiner Rede antisemitische Propaganda und die Macht entmenschlichender Worte: „Antisemitismus und Judenhass beginnen immer dann, wenn Menschen systematisch an eine entwertende Sprache gewöhnt werden und sich dadurch ihre Wahrnehmung der Realität schrittweise verändert“, mahnte er und erinnerte auch an „die Gleichgültigkeit und das Schweigen der Kirchen, ohne die der Holocaust nicht hätte stattfinden können.“ Neben Israel segne die Marsch des Lebens Bewegung auch das iranische Volk und bete, „dass es – befreit aus der Geiselhaft der Mullahs – in Freundschaft an der Seite Israels stehen“ könne. Danach erklärte ein deutsch-Iranisches Ehepaar – eine Urenkelin eines NS-Propagandaleiters und ein mit iranischer Hasspropaganda gegen Israel aufgewachsener Iraner – dass sie ihre Kinder in der Liebe zu Israel erziehen.
Weitere Redner waren die CDU-Abgeordnete Maren Steege, IRGW-Vorstandmitglied Michael Kashi und Stella Syrkin von Keren Hayesod. Das Einstehen für Israel brauche Mut, sagte Steege, und Mut sei wie ein Muskel, der trainiert werden müsse. Kashi bedankte sich im Namen der IRGW beim Marsch des Lebens für die ständige Präsenz gegen Antisemitismus auf den Straßen der ganzen Welt. „Sie tuen hier eine heilige Tat“, sagte er.
In einem Panel unterhielten sich die beiden Stuttgarter Pastoren Stefan Krust (Gospel Forum) und Roland Krumm (City Chapel) sowie der Tübinger Pastor Guido Kasch über die Frage, warum und wie Christen jüdisches Leben unterstützen und sich an die Seite Israels stellen können. „Wir stellen uns an die Seite Israels, weil es unsere Verantwortung ist“, sagte Krumm, „und zwar aus historischer, menschlicher und geistlicher Sicht. Denn als Geistliche haben wir uns schuldig gemacht am jüdischen Volk.“
Die Exiliranerin Moria erinnerte an den Holocaust als größtes Verbrechen der Menschheitsgeschichte. Sie sprach als Repräsentantin einer Gruppe von Exiliranern, die in Stuttgart regelmäßig auf die unterdrückte iranische Opposition aufmerksam machen. Sie benannte die Vernichtungsambitionen des iranischen Regimes gegen Israel und stellte sich in Freundschaft an die Seite des jüdischen Volkes und des Staates Israel. Die Tübinger Band Be’er Sheva sang den Aaronitischen Segen auf Deutsch, Hebräisch und Persisch. Die Tanzgruppe YC Dance tanzte zu dem Lied „Achake Lo“: „Ich werde auf ihn warten“. Der Satz aus dem Glaubensbekenntnis des Maimonides aus dem 12. Jahrhundert drückt den Glauben daran aus, dass der Messias kommen wird, auch wenn er sich verzögert. Dieser Satz wurde von Juden in den Vernichtungslagern gesungen. Er ist bis heute ein Zeichen ungebrochener Hoffnung.
Der Marsch des Lebens ist eine von Jobst und Charlotte Bittner initiierte internationale Gedenk- und Versöhnungsbewegung mit Ursprung in Tübingen. Seit 2007 fanden Märsche in hunderten Städten und mehr als 20 Nationen statt. Mehrfach wurde die Bewegung vom israelischen Parlament für ihr Engagement ausgezeichnet. Die Ziele der Veranstaltungen sind die Erinnerung an den Holocaust, die Versöhnung zwischen Nachkommen der Täter und Opfer sowie ein Zeichen zu setzen für Israel und gegen modernen Antisemitismus. Allein für das Jahr 2026 sind weltweit rund 100 Märsche in Planung.
