Die 11. Internationale Marsch des Lebens Konferenz in Tübingen war durchdrungen von der Freude über die Befreiung der israelischen Geiseln und gleichzeitig der Entschlossenheit, sich dem weltweit wachsenden Judenhass entgegenzustellen. Unter dem Motto „Erinnern verpflichtet. Für jüdisches Leben und gegen Israelhass“ werden auch im Jahr 2026 wieder Tausende Menschen auf die Straße gehen. Die bewegende Konferenz mit einem öffentlichen „Abend zu Ehren Israels“ vom 13. bis 16. Februar war der Auftakt.
„Gebete reichten bis in die Tunnel“
Einer der ersten Sätze in der Startveranstaltung am Freitagabend war: „Unsere Gebete wurden erhört“. Ilan Dalal führt die Befreiung seines Sohnes Guy aus den Terror-Tunneln der Hamas auf die unermüdlichen Aktionen und Gebete der Marsch des Lebens Bewegung zurück. „Guy hatte göttlichen Schutz, und ihr alle spielt eine wichtige Rolle dabei. Eure Gebete waren der geistliche Schutzschild über Guy. Ich glaube, dass eure Gebete bis in die Tunnel von Gaza gereicht haben.“
Während er spricht, laufen im Hintergrund Bilder von Märschen und Mahnwachen auf der ganzen Welt, in denen die Marsch des Lebens Community für Guy Gilboa-Dalal eingestanden ist. Als Ilan zum ersten Mal nach Tübingen kam, standen die Chancen sehr schlecht, dass er seinen Sohn lebendig wiedersehen würde. Über diese erste Begegnung mit dem Marsch des Lebens sagt Ilan: „Ihr habt mir meinen Glauben zurückgegeben, und ich war von da an überzeugt: Guy würde zurückkommen.“ Zum Zeitpunkt der Konferenz nahm Guy an einer wichtigen Therapiemaßnahme teil und konnte deswegen nicht persönlich vor Ort sein.
„We will dance again“
Luis Har ist die Personifizierung des kämpferischen Versprechens der Überlebenden des Massakers: „We will dance again!“ Der Ausspruch nimmt Bezug auf den Mord an fast 400 jungen Menschen, die in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 2026 auf dem Supernova-Sukkot-Festival nahe der Gazagrenze tanzten. Auch für Überlebende aus den Kibbuzim wurde „Wir werden wieder tanzen“ zu einem Leitspruch. Er spornt dazu an, den Erfahrungen von Terror und Tod nicht nachzugeben und das Leben wieder zu feiern. Aber für den 72-jährigen leidenschaftlichen Tänzer Luis Har bedeutet es mehr. Zu tanzen ist seine Therapie.
Bei der Marsch des Lebens Konferenz erzählt Luis von den 129 Tagen Geiselhaft und der Befreiung durch eine Spezialoperation der israelischen Armee. Er und sein Übersetzer kämpfen immer wieder mit den Tränen. „Männer weinen nicht“, wurde Luis gelehrt. So schauten er und sein Schwager Fernando in Geiselhaft zu Boden und erklärten sich gegenseitig, dass etwas mit ihren Augen nicht stimme, als sie von den mitgefangenen Frauen getrennt wurden. Luis wusste zu dem Zeitpunkt nicht, ob die Terroristen seine Lebensgefährtin befreien oder töten würden.
Erst viele Wochen später bahnten sich Spezialkräfte ihren Weg zu der kleinen Gruppe von Geiseln. Während der gefährlichen Rettungsaktion hörte Luis die Soldaten über Funk sagen: „Die Diamanten sind bei uns“. „Ich bin ein Diamant“, sagt er. Aus dem Helikopter heraus zeigte ihm jemand unter sich die Lichter vonPalmachim. Das ist ein Kibbuz direkt am Mittelmeer, in dessen Nähe ein gleichnamiger Flugplatz und Raketenstützpunkt liegt. „Das ist der Moment, in dem wir eure Familien benachrichtigen“. Als Luis davon erzählt, muss er wieder einen Anflug von Tränen unter einem Hustenanfall verstecken. Die ganze Marsch des Lebens Community weint und freut sich mit ihm – und weiß nicht, dass Luis parallel zum Programm an einer Überraschung für sie arbeitet. In der Abschlussveranstaltung erzählten junge Mitglieder des Tanzteams YC Dance von der Verstrickung ihrer Familien im Nationalsozialismus und ihrem eigenen antisemitischen Erbe. Direkt im Anschluss performte Luis Har einen ausdrucksstarken Tanz mit ihnen. Die starke Verbildlichung der zentralen Marsch des Lebens Anliegen „Erinnern – Versöhnen – Ein Zeichen setzen“ erschien am nächsten Tag groß in der Zeitung.
„Ich glaubte, den Preis bezahlt zu haben“
Ein weiterer Ehrengast und Highlight der Konferenz war die Holocaustüberlebende Irene Shashar mit ihrer bewegenden Geschichte und inspirierenden Vortragsweise. Sie floh als kleines Mädchen mit ihrer Mutter und ihrer Puppe durch die Kanalisation aus dem Warschauer Ghetto. Der Gestank, so erzählt sie, verfolgt sie auch 80 Jahre später noch. Den Krieg verbrachte sie zusammengekauert, ihre Puppe an sich gedrückt, in verschiedenen Schränken versteckt. Wenn sie schön leise sei, versprach ihr die Mutter immer wieder, wäre der Krieg bald vorbei. „Aber er ging nicht vorbei. Was hatte ich falsch gemacht?“ fragt Irene.
Als der Krieg endlich endete, starb Irenes Mutter. Da war sie gerade zehn Jahre alt. Trotz allem wurde Irene eine lebensfrohe Frau, die als Professorin in Jerusalem beruflich erfolgreich war und Familie gründete. Ihren Kindern erzählte sie nichts von ihrer Vergangenheit, bis sie erwachsen waren. Stolz zeigt sie die Bilder ihre Kinder und Enkel. „Hitler hat nicht gewonnen“, sagt sie immer wieder. Aber am Himmel ziehen sich neue Wolken zusammen. „Ich hoffte und glaubte, dass ich den Preis bezahlt hatte, damit meine Kinder und Enkelkinder frei in einem jüdischen Staat leben könnten“, erklärt sie. „Aber der Hamas-Terroranschlag am 7. Oktober zeigte uns, dass der Antisemitismus nie verschwunden ist.“ Ihre Nachkommen müssen nun im Krieg ihr Leben aufs Spiel setzen, um den jüdischen Staat vor dem Vernichtungswillen seiner Nachbarn zu schützen. „Ich brauche euch als meine Stimme“, sagt Irene Shashar zu den Nachkommen der Nazitäter.
Revital Krakowski, CEO der israelischen Überlebenden-Organisation March of the Living und Irenes Begleiterin, bestätigt das. Wenn Nachkommen der Täter ihre Geschichten erzählten, könne niemand mehr den Holocaust leugnen. „Eure Bewegung soll stärker und größer werden“, fordert sie. „Sie ist die Antwort auf Judenhass und die Antwort für die Menschheit.“ Revital, selbst eine Nachkommin von Holocaustüberlebenden, stellte sehr persönlich fest: „Ich muss euch sagen, dass wir Israelis Liebe nicht gewohnt sind. Unser Modus Operandi ist Überleben. Hier fühlen wir uns angenommen, geliebt und geschützt.“
„Schweigen ist keine Option“
Heinz Reuss, internationaler Direktor des Marsch des Lebens, referierte eindrucksvoll über die Vervielfachung antisemitischer Vorfälle in fast allen Nationen seit dem 7. Oktober 2023. Aus den Märschen des vergangenen Jahres war ihm vor allem eine Veranstaltung in Budapest in Erinnerung geblieben. Während ein Überlebender am Ort des damaligen Geschehens von der Erschießung von Juden berichtete, erreichten sie parallel dazu die ersten Nachrichten des Terrorangriffs auf eine Chanukka-Feier im australischen Bondi Beach.
Jobst Bittner sprach über die Verantwortung der Christen damals und heute: „Die Kirche, alle Denominationen eingeschlossen, hätte nach 1945 eine wichtige Rolle einnehmen können“, sagte er. „Sie hätte das Schweigen brechen, Schuld bekennen und ihre Beziehung zur Erwählung Israels neu definieren können. Stattdessen blieb sie in uralten, theologischen, antisemitischen Stereotypen verhaftet, und sie schwieg.“ Das unterstrich Reinhardt Schink, Generalsekretär der Evangelischen Allianz Deutschland, mit den Worten: „Wenn wir als Kirchen schweigen aus Angst, in die Schusslinie zu geraten, dann schweigen wir uns selber zum Gericht.“
Shelly Tal Meron, Knessetabgeordnete und Mitglied im Christian Allies Caucus, dankte der Marsch des Lebens Bewegung für ihr Engagement. „Die Bekämpfung von Antisemitismus fordert uns auf, Verantwortung für unsere gemeinsame Überlieferung zu nehmen. Juden und Christen gleichermaßen – und die Geschichte, Werte und biblischen Grundlagen zu verteidigen, die uns verbinden.“
Daniel Neumann, Vorsitzender des hessischen Landesverbandes von jüdischen Gemeinden, beschrieb seine Sicht auf die Ereignisse am und nach dem 7. Oktober: „Jüdische Menschen, die gejagt, abgeschlachtet und verbrannt wurden, die hilflos in ihren eigenen Häusern waren. Die Schrecken, von denen wir glaubten, dass sie der Vergangenheit angehörten, haben uns eingeholt.“ Nach dem Massaker habe die jüdische Gemeinschaft mit „Schockwellen der Solidarität gerechnet“, aber das Gegenteil sei passiert. „Den Mangel an Solidarität und Zuspruch zu erleben, war für uns zutiefst desorientierend.“
„Stimmen brauchen Hände und Füße“
„Wenn unsere Stimmen nicht Hände und Füße haben“, sagt Marsch des Lebens Präsident Jobst Bittner, „dann haben die vielen Worte über Antisemitismus und Judenhass, die vielen Versprechungen und Nie-wieder-Statements keinerlei Wert.“ Rund 600 Teilnehmer aus 24 Nationen waren zur Konferenz nach Tübingen gekommen, um diese „Hände und Füße“ zu sein. Die Organisatoren und Direktoren verbrachten anschließend einen weiteren Tag miteinander, an dem sie Planungen konkretisierten, einander ermutigten und sich praktisch schulen ließen.
Von überall gibt es Berichte, dass die Marsch des Lebens Bewegung allen Widerständen und Sicherheitsrisiken zum trotz wächst. In Peru sind aus jährlichen kleinen Veranstaltungen Märsche mit 15.000 Teilnehmern geworden. In Paraguay finden Märsche in allen 16 Bundesländern statt. Die Vision ist, sechs Millionen Menschen für Israel auf die Straße zu bringen.
Jetzt den Livestream vom “Abend zu Ehren Israels” am Samstag nachschauen:
https://youtube.com/live/c6Gvfw9n9L0?feature=share
