Ein unbekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs

Eine Reise der Aufarbeitung und Versöhnung mit Italien

Für viele Deutsche ist Italien das Traum-Urlaubsland schlechthin: ein angenehmes Klima, herrliche Landschaften und köstliches Essen lassen einen den Alltagsstress vergessen. Der Holocaust scheint hier weit entfernt. Und doch ist der Zweite Weltkrieg in Italien eine sehr frische und gegenwärtige Narbe, die in der Bevölkerung ebenso mit Schmerz verbunden ist wie im Osten Europas. In der deutschen Erinnerungskultur sind die Verbrechen der deutschen Wehrmacht und SS ab Herbst 1943 ein eher unbekanntes Kapitel.

Eine Gruppe der TOS Bibelschule machte sich Ende Juni auf die Reise in die Lombardei und nach Venetien, um die Versöhnungsbotschaft des Marsch des Lebens erstmals nach Italien zu bringen.

Als Italien am 8. September 1943 einen Waffenstillstand mit den Allierten verkündete und damit aus dem Bündnis mit dem Deutschen Reich ausstieg, besetzten deutsche Truppen Nord- und Mittelitalien. Bereits im Vorfeld waren 20 Divisionen, teils von der Ostfront, nach Italien verlegt worden. Sie entwaffneten das italienische Militär und verübten dabei zahlreiche Kriegsverbrechen, indem sie die Soldaten trotz Entwaffnung in Massenerschießungen ermordeten, wie etwa beim Massaker auf Kefalonia, bei dem 5.200 Soldaten erschossen wurden. Etwa 600.000 Soldaten der italienischen Streitkräfte wurden interniert und zur Zwangsarbeit auf das Gebiet des Reiches verschleppt. Als angebliche „Verräter“ wurden sie noch schlimmer behandelt als die „Ostarbeiter“.

Die italienische Zivilbevölkerung traf es ebenso hart. Die deutsche Wehrmacht unternahm einen Rachefeldzug durch Norditalien und die Toskana. Brandschatzend, plündernd und mordend zogen sie durch die Dörfer und Städtchen, in denen nur noch Frauen, alte Menschen und Kinder wohnten. An vielen Orten wurde für jeden von Partisanen getöteten deutschen Soldaten 10 Zivilisten erschossen. Weder Schwangere noch Kleinkinder wurden bei diesen Massakern verschont. Zeitzeugen berichten, wie Teile der Bevölkerung in Kirchen getrieben und diese dann angezündet wurden. Bis heute ist die genaue Zahl der Opfer nicht bekannt – doch es sind mehr als 9.000 Zivilisten und 45.000 Partisanen. Gleichzeitig wurden ca. 10.000 italienische Juden in die deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert.

Das Team aus Tübingen besuchte fünf christliche Gemeinden und sprach über das Anliegen des Marsch des Lebens, als Nachfahren der Täter die Wahrheit über die Vergangenheit auszusprechen und für Versöhnung zu stehen. Dabei ging es nicht nur um die Schoa oder den Zweiten Weltkrieg, sondern auch den Umgang mit den italienischen Gastarbeitern in Deutschland und um Vorurteile, die bis heute fortdauern. Als das Team in dem kleinen Städtchen Lumenzzano für die Überheblichkeit der Deutschen um Vergebung bat, begann der Pastor zu weinen. Er erzählte, wie er als Kind von Gastarbeitern im Ruhrgebiet aufwuchs und in der Schule unter dem Mobbing der Lehrer und Schüler gelitten habe. Andere kamen tief bewegt auf das Team zu, weil ihre Väter in Konzentrationslagern waren oder sie Angehörige in den Erschießungen verloren hatten. Nach einem Gottesdienst in Verona erzählte eine Frau unter Tränen, dass sie Deutsche bis zu diesem Tage gehasst habe, weil ihr Vater unter unmenschlichen Umständen in einem Lager an der holländischen Grenze fast gestorben wäre. Mit einem strahlenden Gesicht erklärte sie: „Heute Morgen ist eine schwere Last von mir abgefallen. Das hätte ich nie für möglich gehalten!“

In Padua besuchte das Team die zentrale Synagoge; ehemals als „deutsche“ Synagoge 1525 im Herzen den jüdischen Ghettos eingeweiht und Heimat der aschkenasischen Gemeinde. Während des Zweiten Weltkriegs wurde sie von ortsansässigen Faschisten in Brand gesteckt und stand bis 1998 baufällig da. Heute befindet sich darin das Jüdische Museum. Danach wurden das Team vom Bürgermeister im nahe gelegenen Vò willkommen geheißen. Die Villa Contarini-Venie dort diente als Sammellager für Juden, die deportiert werden sollten. Ein Augenzeuge berichtete bei einem Treffen in der Villa, wie er die Deportation der jüdischen Familien miterlebte, von denen nur drei Personen die Schoa überlebten. Bei den Besuchen in verschiedenen jüdischen Gemeinden und Einrichtungen wurde das reiche jüdische Erbe Italiens sichtbar, das bereits seit 200 v.Chr. dort verwurzelt ist und heute, wie in vielen Ländern Europas, vom Militär geschützt werden muss. Umso wichtiger ist auch hier das öffentlich sichtbare Zeichen für jüdischen Leben.

An allen Orten traf das Team aus Tübingen auf offene Herzen und Türen, sodass ein Marsch des Lebens in Italien vielleicht schon in recht naher Zukunft Realität werden wird.

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