„Nie wieder“ sagen ist nicht genug!

Vertreter von 19 Nationen auf der 5. Marsch des Lebens Konferenz

So international wie dieses Mal war die jährlich in Tübingen stattfindende Marsch des Lebens Konferenz noch nie. Aus 19 Nationen – von den USA über Ecuador, Litauen, Finnland und Großbritannien – reisten teilweise ganze Teams an. Unter dem Motto „Die Stimme gegen Antisemitismus auf die Straße bringen“ stellten sich die Teilnehmer der Herausforderung, dem Antisemitismus in ihrer Nation wirksam entgegen zu treten. Ein wichtiger Aspekt sei dabei die Aufarbeitung der Geschichte: „Jede Nation hat eine Geschichte von Schuld. Der richtige Umgang damit ist: die Wahrheit aussprechen, Buße und Umkehr“, betonte Marsch des Lebens Initiator Jobst Bittner.

Die einzige Überlebende aus Mykulytschyn

Zu dieser Wahrheit gehörte auch die Lebensgeschichte der Holocaustüberlebenden Ruth Michel. Sie ist die einzige Überlebende der letzten deutschen Razzia im Dezember 1941 in Mykulytschyn. „Ich erzähle meine Geschichte, um zu zeigen, wohin Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus führen kann. Ich tue das auch, weil es mein persönlicher Kampf gegen Antisemitismus ist“, erklärte sie in ihrer Einleitung. Gemeinsam mit ukrainischen Helfern ermordete ein Sonderkommando alle Juden des Dorfes per Genickschuss – Männer, Frauen und Kinder, darunter auch Ruths Vater Aaron Rosenstock. 2010 kehrte Frau Michel nach Mykulytschyn zurück, um das Massengrab zu suchen, das verwildert und vergessen im Wald lag. „Ich habe es frei räumen und begrünen lassen und eine Gedenktafel angebracht,“ erzählte sie den gespannten Zuhörern am Startabend der Konferenz. Es ist eines der vielen tausenden Massengräber in der Ukraine.

Ruth Michels Geschichte umfasst viele Nationen: Deutschland, Polen, die Ukraine und Russland. Bischof Anatolij Gavriluk aus der Ukraine und Edward Ćwierz aus dem polnischen Kielce erzählten sehr persönlich, wie schwer es teilweise in ihren Nationen ist, die Decke des Schweigens über antijüdische Pogrome und Antisemitismus zu zerbrechen.

Ein Instrument des Friedens

Doch umso ermutigender waren die vielen Berichte darüber, wie jeder Marsch des Lebens nachhaltige und sichtbare Veränderungen hervorbringt. Ein Beispiel dafür ist der Bürgermeister des 12. Bezirks in Budapest. Nachdem ein Journalist die aktive Beteiligung von dessen Großvaters bei einem Massaker an Juden herausgefunden hatte, suchte der Bürgermeister bei Vertretern des Marsch des Lebens Rat, wie Aufarbeitung und Versöhnung möglich werden kann und traf sich anschließend mit der Jüdischen Gemeinde. Die Türen für die Aufarbeitung über die Beteiligung der ungarischen Bevölkerung am Holocaust öffnen sich zunehmend und bereits in diesem Jahr wird es in Ungarn Seminare zur persönlichen Aufarbeitung geben.
In Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, wurde 2019 der Marcha de La Vida als „Instrument des Friedens in der Stadt“ ausgezeichnet und geehrt. Auch die Stadt Halle hat den Marsch des Lebens offiziell als städtische Veranstaltung gegen Antisemitismus erklärt. Die Holocaustüberlebende Ruth Michel zeigte sich sehr ermutigt von dem Engagement der Teilnehmer: „Ich bin sehr bewegt zu sehen, dass es in Deutschland vielleicht doch noch eine neue Stimmung gibt!“

Aktiv werden!

Nach wiederholten antisemitischen Schmierereien in Helsinki rief der israelische Botschafter den finnischen Marsch des Lebens Direktor persönlich an und bat ihn eindringlich: „Ihr müsst jetzt etwas unternehmen! Wenn ihr zu lange wartet, ist es zu spät!“. Das betonte Jobst Bittner auch in seiner Rede am Samstagabend: „Es reicht nicht, ‚Nie wieder!‘ zu sagen. Es reicht nicht, zu sagen ‚Wir erinnern uns!‘, stehen dann aber nicht auf. Deshalb ist das der Ruf an alle Gemeinden, an alle Pastoren: Ändert eure Prioritäten! Erhebt eure Stimme! Werdet aktiv! Aktiv werden heißt: Bringt eure Stimme an die Öffentlichkeit, mobilisiert eure Kirchen, eure Gemeinden, eure Freunde!“ Daraufhin wurde das Motto für die diesjährigen Märsche des Lebens veröffentlicht: „‘Nie wieder‘ sagen ist nicht genug – Aktiv gegen Antisemitismus und Rassismus und für Israel!“
Jobst Bittner erklärte dazu: „Wir wünschen uns, dass dieses Plakat in den unterschiedlichsten Sprachen auf hunderten und hunderten von Märschen sichtbar wird; dass diese Bewegung und unsere gemeinsame Stimme unüberhörbar wird in unseren Städten und Nationen.“

Shlomit Steiner von der Gedenkstätte Yad Vashem unterstütze diesen Aufruf mit ihrem eindringlichen Vortrag über die Rolle der Sprache beim Antisemitismus: „Bleibt nicht beim ‚Nie wieder‘ stehen, sondern beschäftigt euch mit dem Kern der Schoa: Das ist Antisemitismus, der sich in der Sprache des Hasses über Jahrhunderte halten konnte. Es begann nicht in Auschwitz, sondern in der Sprache des Antisemitismus, die in der Öffentlichkeit geduldet und damit zu Normalität wurde. Dagegen müsst ihr aktiv werden!“

Diesem Appell folgen die Märsche des Lebens in diesem Jahr – Werden auch Sie ein Teil dieser gemeinsamen Stimme und kommen Sie zu einem Marsch in Ihrer Nähe.
Mehr Informationen finden Sie unter der Rubrik Veranstaltungen/Märsche.

Bildergalerie der Konferenz:

http://bit.ly/Conferencealbum

Videos der Konferenz:

Impressionen 1. Tag: https://www.youtube.com/watch?v=d-XyFXRkp5M

Impressionen 2. Tag: https://www.youtube.com/watch?v=kE4TKk8-d-k

Abend zu Ehren Israels: https://www.facebook.com/marchoflife/videos/194045578631460/

Song „Rumania, Rumania“ von Aaron Lebedeff: https://www.youtube.com/watch?v=eDYl04o-Sg8

Theaterstück „Warum es keine Ausreden gibt“: https://www.youtube.com/watch?v=urXiHIM14fY